Rolf Hengesbach

The Enigma of Arrival

In der Ausstellung von Christopher Muller sind neue Stillleben miteinander konfrontiert, die eine recht unterschiedliche Herkunft aufweisen. Ein großformatiges Landschaftsbild wurde in Spanien aufgenommen. Die offene Weite der Sonnenlicht durchfluteten Landschaft wird gebrochen durch das kühle Schattenlicht einer weißen Mauerfassade, die dem Bildraum unvermittelt eine unbestimmte Grenze setzt. Jenseits der Wand, noch in ihrer Schattenzone, verweilt eine ältere Frau. Sie hat ihren einen Wanderschuh ausgezogen. Der befreite Fuß ruht auf einem Buch, das offensichtlich die weiteren Anweisungen für die Fortsetzung ihres Weges enthält. Das Weiß ihres Hutes gesellt sich zu dem Weiß ihrer Socken, zu den Blüten, zum Weiß ihrer Provianttüte, zu dem weißen Netz des Rucksackes und dem der Wand. Die Neutralität des Weiß-Tones erzeugt einen übergreifenden Raum, der die einzelnen Elemente miteinander konfrontiert. Die Frau schaut in Richtung der Wand. Ihre Lebendigkeit wird von der Wand nicht beantwortet. Die Wand enthält keine Spuren der eigenen Geschichte, erzählt nichts von möglichen Geborgenheiten und von Schutz. An ihr lehnen nur Wanderstöcke, die auf andere, nicht eingelöste Anwesenheiten verweisen. Sie selbst aber als etwas Gebautes, Objekthaftes bleibt bildlich unerklärt.
Dem Landschaftsbild gegenüber hängt ein großformatiges Interieur. Ein junger Mann steht im schmalen, offenen Spalt eines ansonsten mit dunklen Vorhängen überdeckten großen Fensters. Er verweilt dort lesend. Das Buch bewirkt hier die Versenkung in einen geistigen Raum, unterstrichen von der lichthaften Helle des Fensters. Der Raum selbst scheint auf die Anwesenheit des Mannes gar nicht eingerichtet. Sein Zugang ist verstellt durch einen Arbeitstisch und einen Sessel. Außer dem Sessel gibt es noch andere Sitzgelegenheiten (Hocker, Klappsessel, Bürostuhl, Stuhl), von denen jede ihren eigenen Kopf zu haben scheint, weil jede zu einer anderen Richtung orientiert ist und auf andere Anwesenheiten wartet. Konkurriert die greifbare Aktivität der möglichen Anwesenheiten im Gewirr der Stühle mit der Entrücktheit des jungen Mannes?
An der Stirnwand zwischen diesen beiden Arbeiten befindet sich ein großformatiges Stillleben, welches an frühere Arbeiten Mullers anknüpft, bei denen die Gegenstände nebeneinander aufgereiht sind. Sie vermitteln den Eindruck einer Rockband, die sich im direkten Gegenüber zum Betrachter vor einer Wand aufgestellt hat. Der dazwischen liegende Raum ist auf ein Minimum reduziert. Die helle, nahe Wand vermittelt die Gewissheit eines direkten, festen Sounds, der von den Gegenständen auf unterschiedliche Weise erzeugt wird. Der Schal schlägt zartere und weichere Töne an als die dumpf klingenden Eimer. Die harten weißen Kunststoffborsten des Schrubbers, über die der Schal gehängt ist, vermitteln die Vorstellung, dass es nicht gefühlsduselig zugehen wird. Der hölzerne Handtuchhalter deutet die harten Schläge auf das Becken an, welches in seinem giftgrünen Ton alles andere als einen natürlichen Klang erwarten lässt. Wem die Mischung aus gruftigem Müllsack und der hart-kalten Kehrrichtschaufel zu arg wird, sollte auf den Mopp hoffen, der das Ganze in quirligere Gefilde zurückführen wird.
Trotz ihrer unterschiedlicher Kontexte kann man alle Bildarbeiten von Christopher Muller unter dem Begriff Stillleben fassen. Muller interessiert sich für das stillgestellte Leben, nicht für "natures mortes", für das Verhältnis von Leben, Tod und Vergänglichkeit. Wenn das Leben aus seinen Einbindungen und funktionalen Abhängigkeiten freigestellt wird, kann es uns etwas über seine Schönheiten und Verrücktheiten erzählen, die wir normalerweise übergehen und übersehen. Mullers Erzählkunst beruht auf der Unaufdringlichkeit seiner Arrangements, auf der Genauigkeit der Komposition und auf der sorgfältigen Präparierung von Unter- und Hintergrund, auf oder vor dem die Dinge platziert sind. Nicht nur das Äußere der Dinge und ihr Zueinander spielen eine wichtige Rolle, sondern auch der Raum, der sich als psychologischer, emotionaler- und Interaktionsraum zwischen den Dingen aufspannt. Raum ist bei Muller nicht Hülle, Hintergrund oder Umfeld, sondern Entfaltungs- und Aktionsraum. Auch wenn er unscheinbar wirkt, so liegt seine Ausdrucksstärke in den Enfaltungsmöglichkeiten, die er für die unterschiedlichen Rollen der Dinge eröffnet.
Der Wäschekorb ist normalerweise verschlossen. Vielleicht hat eine kleine Unaufmerksamkeit den Pullover nicht vollständig in ihn hineinfallen lassen. Dass er sich mit seinem Ärmel wie ein Rüssel oder wie eine Schlange aus dem Korb hervorwagt, vermittelt sich uns nur, weil das Unscheinbare unseres Alltags plötzlich in den Fokus einer Bühne gerät, auf der sich die Dinge einen suggestiven Entfaltungsraum erarbeiten. Der Pullover kann von einem schwarzen Gürtel domestiziert werden, wenn er sich in einem Umfeld befindet, das mit einem Beigeschmack von Enge, harter Oberfläche, hygienischer Reinlichkeit und menschlicher Haut besetzt ist. Wie freundet sich der Pullover mit dem Gürtel an? Schmückt er sich mit ihm, lässt er sich von ihm einschnüren, schwingt er seine Hüften mit ihm, entblößt er lässig die Taille, oder lässt er die Nacktheit auf das harte Leder treffen, nachdem das Frotteetuch die Restfeuchtigkeit zart weggetupft hat?

Rolf Hengesbach


Stefan Gronert
- Auszug aus - Reality Show - in "Seeing Things" Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2002
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Stefan Gronert über Christopher Muller – Artist Kunstmagazin, H.2, 2001

Rolf Hengesbach
- The Enigma of Arrival - Pressetext der Galerie, 2003
- Die Demokratie unter den Dingen - Kunstverein Freiburg, 1996

Christopher Muller
- Das Maß der Dinge - Edition Stemmle, 1998
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Nimm es gelassen - Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 1994





The Good Student, 2001
146 x 124 cm
C-Print hinter Acrylglas







Via de la Plata, 2003
132 x 227 cm
C-Print hinter Acrylglas







In the Kitchen Again, 2003
149 x 295 cm
C-Print hinter Acrylglas